Medial wirksam beklagen sich die Rektoren der neun größten technischen Universitäten über den Verlust des mit großem Ansehen verbundenen Titels “Diplom-Ingenieur”. Gleichsam wird dabei die Forderung laut, diesen auch wieder an die Master-Studierenden verleihen zu dürfen. Vergessen wird dabei jedoch, dass die Qualität eines Studiums und von Hochschulbildung nicht an Etiketten sondern nur an Inhalt und Organisation gemessen werden kann. Ein Diplom-Abschluss für einen Bachelor-Master-Studiengang zu vergeben gleicht also einem ziemlich dreisten Etikettenschwindel.
Unzählige Master-Spezialisierungen
Viele Hochschulen und ehemalige Fachhochschulen versuchen ihr Renommee durch unzählige spezialisierte Master-Studiengänge aufzuwerten, die meist nur gegen horrende Studiengebühren angeboten werden. Studierende werden hier in exotisch klingenden Studiengängen wie “Prozess-Architektur” und “KlimaEngineering” ausgebildet. Vor lauter Spezialisierungen sollte das solide Grundlagenwissen und das generalistische Verbinden von Fachdisziplinen jedoch nicht verloren gehen. Ist es vielleicht nicht gerade dieser Aspekt, der international an der deutschen Ingenieurausbildung geschätzt wird?
Statt massenhaft auf bestimmte Teilgebiete spezialisierte Fachkräfte auszubilden, wäre es eher notwendig, ganz klassisch universell gebildete Architekten auszubilden, die den gesamten Planungs- und Bauprozess im Blick haben und leiten können. Verstärkt sollten sich die Hochschulen an den Notwendigkeiten von Planungsprozessen orientieren. Bei der Betrachtung umstrittener Großprojekte oder aber auch lokaler Entwicklungsmaßnahmen, die in den letzten Jahren von breiten Bevölkerungsschichten immer mehr und öffentlicher kritisiert werden, wird auch deutlich, dass bei jeglichen Projekten, das Ergründen von Bedürfnissen und Befürchtungen der Nutzer und der Gesellschaft insgesamt und auch die Vermittlung von Bauprojekten immer wichtiger werden. Verpassen es Architektinnen und Architekten, sich und ihre Arbeit verständlich zu machen, sprechen sie sich damit selbst ihre Relevanz ab.
Mehr Raum für komplexe Berufsausbildung
Die Themen und Ansprüche in der Architekturausbildung sind vielfältig, komplex und enorm groß. Umso mehr verwundert es, dass Professoren und Lehrpersonal nicht stärker Alternativen zu einer auf drei Jahre geschrumpften Schmalspur-Ausbildung entwickeln und einfordern. Dabei haben die Erfahrungen an der TU Berlin klar gezeigt, dass es unmöglich ist, die Ausbildung zum/zur Architekt_in in 6 Semester zu pressen. Die komprimierte und verengte Fächervielfalt führte zu einem verschärften Geltungs-”Kampf” zwischen Integrierten Projekten und Grundlagenfächern. Mehr Freiräume könnten hier wieder zu einem respektvolleren Verhältnis führen.
Gleichzeitig sollte die Politik ein Einsehen haben und die Fixierung auf ein 6-semestriges, berufsqualifizierendes Studium aufgeben. In einzelnen Fächern mag dies vielleicht funktionieren. Gerade in den Ingenieurwissenschaften und im Bereich der Architektur entspricht dieser politische Irrsinn keineswegs den Berufsrealitäten. Die Berufsverbände sind sich weltweit einig, für die Zertifizierung als Architekt_in ein mindestens 4-jähriges Studium vorauszusetzen. Vereinzelt wird bereits auf diesen Missstand reagiert.
Architektur in 5,5 Jahren en bloc
So wurde zum Beispiel an der TU Dresden ab diesem Wintersemester ein reformierter Diplomstudiengang eingeführt, der sich an den Vorgaben von Bologna orientieren soll – aber von vornherein keine in Bachelor und Master gestufte Studienstruktur vorsieht, sondern ein komplettes Studium in 11 Semestern direkt bis zum Master- bzw. Diplom-Abschluss.
Das (Bachelor-)Studium der Landschaftsarchitektur und Landschaftsplanung an der TU Berlin soll zukünftig in 8 Semestern Regelstudienzeit gelehrt werden. Es sieht also so aus, als ob es auch möglich ist, in Berlin und an der Technischen Universität, andere Wege auszuprobieren.
Alternative Modelle entwickeln und einfordern
Denkbar wären neben den “klassischen” gestuften Studiengängen in den Varianten 3+2 Jahre und 4+1 Jahre oder neben dem 5-jährigen Diplom gänzlich neue Modelle. So könnte zum Beispiel beim alten spanischen Modell angesetzt werden. Dort entschieden sich die Studierenden nach 6 Semestern, ob sie einen praxisorientierten Bachelor in 8 Semestern oder lieber einen wissenschaftlicher orientierten Master in insgesamt 10 Semestern weiterverfolgen wollten. Anders als nun in Deutschland war die Möglichkeit, den Master zu machen, garantiert.
Die Integration von verpflichtenden Auslandssemestern (vgl. Urban Design Dual Master an der TU Berlin) oder verpflichtenden Praxisprojekten wären weitere Ansätze, das Architekturstudium weiterzuentwickeln.
Auch wenn es zunächst einmal utopisch erscheinen mag, muss jedoch dringend diskutiert, entwickelt und gerungen werden. Ohne gute Ideen, ohne Notwendigkeit und ohne nachdrückliche Forderungen wird sich die Politik nicht zum Handeln genötigt fühlen.

#1 von Toni - 29. Mai 2011 zu 01:37
Auf die Anzahl der Semester kommt es seit Bachelor und Bologna gar nicht mehr an. Den Eindruck habe ich jedenfalls… Es werden nur noch ECTS Credits gezählt: 180 bis zum Bachelor und 300 für den Mastertitel.
Ein Student im Studiengang Diplom-Ingenieur muß z.B. in Mecklenburg, wo der Diplom Studiengang angefangen mit dem WS 2011 wieder eingeführt wurde, mind. 240 ECTS Credits erreichen, um zur Diplomarbeit zugelassen zu werden.
Wobei eine Diplomarbeit mind. 60 Seiten umfasst, gegenüber einer Bachelorarbeit mit nur 30 Seiten. Und der Master, erhält bei seinen 300 Credits den Titel Diplom-Ingenieur einfach dazu…
Der alte Dipl.-Ing. hat es in seinem Studium dafür auch auf nur 210 Credits gebracht..
Ich denke, eine Differenzierung ist eine gute Idee, aber der Bachelor sollte mind. 8 Sem. umfassen, damit er z.B. im Ausland, wo er 4 Jahre dauert, problemlos anerkannt wird.
#2 von Mona - 19. Juni 2011 zu 21:44
Ich finde die Spanische Studienstruktur am Besten. Eine Entscheidung nach 6 Semestern zu treffen, wäre für die Studenten ideal: den Bachelor machen oder weiter bis zum Master durchzustudieren.
Da aber das Deutsche Föderale System bezüglich der Bildung so extrem unflexibel ist, werden in Deutschland bald immer mehr Universitäten zum Diplom zurückkehren!
Das ist praktisch die einzige Möglichkeit.
An der TU-Dresden gibt es bereits 16 Diplomstudiengänge wieder, nachdem auch alle anderen Universitäten der TU9-Gruppe im Jahr 2010 beschlossen hatten, für ihre Abschlüsse wieder den Dipl.-Ing. Titel zu verleihen!
Und in Mecklenburg-Vorpommern wird der Studiengang Diplom-Ingenieur im WS 2011 wieder eingeführt, nach Beschluss der Landesregierung im Dez. 2010.
An der TU Kaiserslautern wurde Anfang 2011 beschlossen, das die Diplomstudiengänge 2012 nicht mehr auslaufen werden, sondern im Gegenteil das Diplom einfach beibehalten wird!
Und an der Universität des Saarlands plant die Abteilung Wirtschaftswissenschaften die Wiedereinführung des Diploms.
Ebenfalls das Gleiche passiert an der Uni Aachen!
Die Uni Zittau/Görlitz bietet mehrere Diplomstudiengänge an und die Universität Greifswald bietet einen Diplomstudiengang in Wirtschaftswissenschaften an.